Land im Aufbruch – Reisen im Land des Dschingis Khaan

Land im Aufbruch  –  Reisen im Land des Dschingis Khaan

Mongolei-Fahrt, 26. Juni – 14. Juli 2016

Es ist 4.30 Uhr morgens, unsere Boeing 767 der MIAT Mongolian Airlines befindet sich im Landeanflug auf Ulan Bator. Wir waren am Vortag um 14.30 Uhr Ortszeit in Frankfurt gestartet und über Polen, Litauen, Weißrussland, Moskau, Jekaterinenburg, Novosibirsk, Irkutsk in der Mongolei angekommen. 6700 Kilometer Richtung Osten und sieben Stunden Zeitverschiebung. Wir sind gespannt auf ein Land, dreieinhalb mal so groß wie Deutschland, mit nur etwas mehr als drei Millionen Einwohnern. Mit großer Natur, nomadisch-buddhistisch geprägter Kultur, einer bewegten Geschichte, auf dem Weg in die Moderne.

Aber von vorn. Es ist über ein Jahr her, dass Winni Schwippert während eines Arbeitswochenendes auf der Düsseldorfer Eifelhütte von seinen Plänen, eine Fahrt in die Mongolei zu unternehmen erzählte. Nachdem er mehrere Male beruflich und in offizieller Mission vor Ort war, wollte er das Land auf einer nach eigenen Interessen gestalteten Reise erkunden. Erzählungen und Fotos von seinen bisherigen Reisen genügten, dass die ersten von uns sofort Feuer gefangen hatten. Einige Monate später war es dann soweit: erstes Vorbereitungstreffen. Wie sich später herausstellen sollte, war es  –  nicht nur der Sprache wegen  –  ein Glücksfall, dass Bayar, ein seit 15 Jahren in Deutschland lebender mongolischer Bekannter von Winni seine „Heimat kennenlernen“ wollte und sich bereit erklärte, alles Nötige für den Reisablauf im Land vorzubereiten.

Unser Ziel ist die nördliche, „grüne Mongolei“, mit Ulan Bator als Ausgangs-, End- und gleichzeitig östlichstem Punkt unserer Reise, dem Khuvsgul-See als nordwestlichstem Punkt und dem zentralen Khangai-Gebirge als südlicher Begrenzung des bereisten Gebiets.

 

Montag, 27. Juni

Ankunftstag. Abholung am „Chinggis Khaan International Airport“ und Begrüßung durch das von Bayar organisierte Team aus Familienmitgliedern, das uns während der Aufenthalte in und um Ulan Bator fährt und aufs Herzlichste betreut. Erste Mahlzeit vor Ort in einem mongolischem Schnellrestaurant, und mit einer typischen Fleischsuppe ein erster, schmackhafter Eindruck der mongolischen Küche. Der weitere Tag ist mit der Fahrt durch die 1,3 Millionen-Metropole, einem Besuch des mongolischen Partnerinstituts von Winni‘s Institut an der Düsseldorfer Uni, dem Besuch des Schwarzmarkts von Ulan Bator mit Einkauf noch fehlender, nützlicher Dinge für die Fahrt schon voller Eindrücke. Highlight des Tages und Zeichen der hochstehenden mongolischen Gastfreundschaft ist die Einladung des mongolischen Professors und Instituts-Chefs zum Abendessen in einem feinen, traditionellen Restaurant.

 

Dienstag, 28. Juni

Am Morgen warten unsere beiden mongolischen Fahrer Lhagwa und Huygaa mit ihren Toyota Landcruisern schon vor dem Hotel. Es sind ihre eigenen Fahrzeuge, die sie genauso aus dem Effeff kennen, wie das teilweise abenteuerliche, noch weitgehend unbeschilderte mongolische Straßen-, Pisten- und Wegenetz. Beides sollten wir im Laufe der Reise zu schätzen lernen. Zuerst geht es jedoch zu einem Cash & Carry-Markt am Rande von Ulan Baator zur Proviantaufnahme, dann hinaus aus der Stadt. Zunächst auf der Hauptstrecke nach Norden, Richtung Darkhan, dann kurz vor Darkan nach Westen, Richtung Erdenet. Unser Tagesziel ist das berühmte Kloster Amarbayasgalant, 24 km nördlich der Hauptstrecke gelegen. Diese ist eine gut befahrbare asphaltierte Straße, mit einer Bundesstraße vergleichbar. Kaum abgebogen Richtung Amarbayasgalant, befinden wir uns zum ersten Mal auf einer Erdpiste mit mehreren Fahrspuren die dem hügeligen Gelände folgen, und uns ist klar, weshalb wir in allradgetriebenen, geländegängigen Fahrzeugen unterwegs sind. Die schwierige Piste fordert trotzdem nach zwei Drittel der Strecke ihren Tribut: Bruch mehrerer Radaufhängungsbolzen hinten rechts an einem der Fahrzeuge. Was für uns wie ein Fall für die Werkstatt aussieht, wird von Huygaa, dem Fahrer bravourös gemeistert. Wir treffen später als geplant, aber wohlbehalten an unserem Übernachtungsort, einem schön gelegenen Camp unweit des Klosters ein, wo wir von einer freundlichen Besitzerfamilie empfangen und mit einem schmackhaften, auf europäische Mägen ausgerichteten Abendmenü belohnt werden. Der erste Tag klingt, wie viele weitere danach, in gemütlicher Runde in einem der wohnlich eingerichteten Gers (mongolische Jurte) bei  Suutei Tsai (gesalzener Milch-Schwarztee) und einem Glas mongolischen Wodkas aus.

 

Mittwoch, 29. Juni

Amarbayasgalant ist Weltkulturerbe und ein Kleinod des mongolischen, lamaistisch-buddhistischen Klosterbaus aus dem 18. Jahrhundert. Wir sind beeindruckt von der Schönheit und der Ruhe die von der Anlage ausgeht, und von ihrer atemberaubenden Lage am oberen Ende eines Tals, von wo aus sie die Steppenlandschaft überschaut. Nach Jahren des Verfalls in sozialistischer Zeit ist das Kloster heute wieder von jungen Mönchen bewohnt und wird Stück für Stück restauriert.

Zurück auf der Hauptstrecke, ist unsere nächste Station Bulgan, ein kleinerer Ort nach der Provinzhaupt- und Kupferbergbaustadt Erdenet. Hier erwartet uns eine Überraschung der besonderen Art. Die Familie eines Onkels von Bayar empfängt uns auf ihrem kleinen Anwesen. Sie hat ein Schaf geschlachtet und bereitet mit uns im Freien einen Khorkhog, einen mongolischen Fleischtopf mit heißen Steinen zu. Der Korkhok ist in der mongolischen Tradition ein Festmahl auf einer Landpartie an offenem Feuer. Wir genießen und sind überwältigt von diesem erneuten Zeichen besonderer Gastfreundschaft.

 

Donnerstag, 30. Juni

Nach der ersten Übernachtung im Zelt an einem kleinen Bach außerhalb von Bulgan und Frühstück mit frischem Joghurt von einer Nomadenfamilie die mit ihrer Herde in der Nähe lagert, geht es weiter Richtung Nordwesten, zum noch zwei Tagesfahrten entfernten Khuvsgul-See. Unterwegs erwandern wir den Uran Togoo-Vulkan und übernachten ein weiteres Mal im Zelt nahe Ikh Uul, in einer wunderschönen Flussaue. Unsere beiden Fahrer beherrschen nicht nur ihre Fahrzeuge sondern haben auch ein Auge für landschaftlich besonders reizvolle Rast- und Übernachtungsplätze.

 

Freitag, 1. Juli

Fahrt durch weite, grüne Steppenlandschaft. Schaf-, Ziegen- und Rinderherden und als Zeichen der nördlicheren Breiten und der Seehöhe über 1000 m erste Yaks. Es ist trotzdem sehr heiß und gottseidank sind unsere Landcruiser mit dem Luxus einer Klimaanlage ausgestattet. Ankunft in Murun, Hauptstadt der nördlichsten Provinz und kurzer Aufenthalt mit Provianteinkauf. Anstrengende Weiterfahrt auf Schotterpisten, direkt nach Norden zum Nationalpark Khuvsgul Nuur, wo wir mehrere Tage verbringen und Wandertouren unternehmen wollen.

 

Samstag 2. – Montag 4. Juli

Unser Ger-Camp liegt im südlichen Teil, direkt am Westufer des Khuvsgul-Sees, der dem Nationalpark seinen Namen gab. Der See, dreimal so groß und ähnlich tief wie der Bodensee, erstreckt sich in Nordsüdrichtung, sein Nordende grenzt an Sibirien. Das geologisch-tektonische System zu dem er gehört, findet auf russischer Seite im Baikalsee seine Fortsetzung. Die Ufer liegen auf 1645 m Meereshöhe und insbesondere auf der Westseite, wo wir uns befinden, ragen steilere und höhere Gebirgszüge über der Seefläche auf.

Auf unserer ersten Wanderung erkunden wir das Seeufer und die angrenzenden Lärchenwälder. Entlang der Schotterstraße die das Ufer säumt, reiht sich Camp an Camp. Man sieht die traditionellen Gers und die Spitzzelte der Tsaatan, Rentiernomaden, die mit Frost und Schnee bis Ende Juni, und Temperaturen jenseits -50°C unter härtesten Bedingungen in der lebensfeindlichen Umwelt  der Region westlich des Khvusgul-Sees, im nordwestlichsten Zipfel der Mongolei leben. Aber auch Blockhütten und einzelne schmucke, farbige Holzhäuser die schon mehr Komfort für den sich entwickelnden in- und ausländischen Tourismus bieten. Bisher muss Strom jedoch mit Generatoren erzeugt werden und außer der Uferstraße gibt es noch keine nennenswerte, allgemeine Infrastruktur.

Wir haben uns schnell auf die einfachen Sanitäreinrichtungen unseres Camps eingestellt, genießen die beste Verköstigung und freundliche Bedienung im Restaurant, und lassen uns im Übrigen von der grandiosen Natur beeindrucken, wegen derer wir in diese entfernte Region gekommen sind.

Unsere erste Bergwanderung, von der wir vor allem die großartige alpine Flora in Erinnerung behalten werden, führt uns in ein Hochtal. Wir gehen durch weite Bergwiesen und können uns gar nicht an Edelweiß, Trollblume, Küchenschelle, Hahnenfuß, Arnika, Tragant, Glockenblume, wildem Rhabarber und vielen anderen satt sehen. In dem Gebiet wird Almwirtschaft betrieben, allerdings unter, aus europäischer Sicht umgekehrtem Vorzeichen: die Tiere werden zum Winter aufgetrieben, da sie, im Gegensatz zum Tiefland, hier Futter auf den Weiden finden. Dafür sorgt der Wind in Bergen, der die Flächen freihält, während sie unten schneebedeckt sind. An den Hängen sind flach geduckte, einfache Holzschuppen, die als Unterstände für die Tiere dienen zu sehen.

Die zweite Tour führt uns auf 3000 m Höhe. Phantastische Ausblicke auf den blauen, bis ins Türkis changierenden See direkt unter uns und bis hin zu den Bergen am Nordende, hinter denen Russland beginnt. Auf der seeabgewandten Seite die Felsen und beeindruckenden Schotterhänge der mit 650 Mio. Jahre ältesten Gebirgszone der Mongolei. Ein besonders markanter Aussichtspunkt auf der seezugewandten Seite ist übersät mit rituellen Steinsetzungen unterschiedlichster Größe. Die „Ovoos“ sind Bestandteil der lamaistischen Volksreligion und werden häufig an Wegkreuzungen und Pässen errichtet.

 

Dienstag, 5. Juli

Nach den entspannten Tagen am Khuvsgul-See fahren wir zurück nach Murun, und nach Auftanken der Fahrzeuge und Provianteinkauf auf Erdpisten weiter Richtung Süden, zum Zuun Nuur-See. Unterwegs, mitten auf der Strecke, biegen wir plötzlich ab und fahren auf eine Ansammlung von Nomaden-Gers zu. Es stellt sich heraus, dass die Familie eines alten Schulfreunds unseres Fahrers Huygaa hier zur Zeit mit ihrer Herde lagert und er ihm einen Besuch abstatten möchte.

Und wieder erleben wir mongolische Gastfreundschaft, dieses Mal in ihrer nomadischen Form. Wir werden eingeladen, in das Ger der Familie einzutreten und dort überaus großzügig mit Milchtee, frischem Yakmilchjoghurt und Aruul, dem typischen getrockneten Quark in verschiedenen Reifungsstufen bewirtet. Gleichzeitig erfahren wir hautnah, wie traditionelles Nomadenleben und moderne Zivilisation zusammenfinden. Auf der einen Seite im Ger traditionelle Einrichtungsgegenstände wie Hausschrein und Vitrine mit Familienfotos. Auf der anderen Seite neben dem Schrein der Flachbildfernseher mit außenliegender Parabolantenne, der solarzellengespeiste Stromspeicher und das von der Decke baumelnde Mobiltelefon. Im Gespräch erfahren wir, dass die Familie Ihren Lebensunterhalt komplett über Selbstversorgung und mit den Einkünften aus der Viehwirtschaft bestreitet, und damit auch das Studium der Tochter finanziert.

Nach Übergabe der Gastgeschenke und herzlicher Verabschiedung geht es weiter zu unserem Tagesziel Zuun Nuur. Unsere Fahrer finden einen schönen Platz auf einer Anhöhe oberhalb des Sees, am Rand eines Lärchenwalds, wo wir für die Nacht unsere Zelte aufschlagen. Der phantastische Seeblick entschädigt uns für die empfindlich kalte Nacht im Zelt auf 2100 m Höhe.

 

Mittwoch, 6. – Donnerstag 7. Juli

Der nächste Tag bringt über fünf anstrengende Stunden Fahrt weiter Richtung Süden, auf teilweise extrem welliger, buckliger Erdpiste, mit mehrmaliger Durchquerung von Bachläufen. Unterwegs begegnen uns immer wieder Zeichen dafür, dass Entwicklung im Land stattfindet, wie, mitten aus dem Nichts der Steppe auftauchend, ein Dorf mit schmucken, bunten Häusern, mit „Vorfahrt achten“-Schild und Straßenbeleuchtung an der staubigen Dorfstraße. Das nächste, deutlich größere Dorf ist Jargalant. Es ist Sum-, das heißt Landkreis-Hauptort und vermittelt Aufbruchstimmung. Am deutlichsten durch eine große Baustelle mitten im Ort, vermutlich für ein öffentliches Gebäude, ausgestattet mit modernem Autokran, beaufsichtigt von einem Bauleiter mit weißem Schutzhelm und mit ebenfalls Schutzhelm und Arbeitsoverall tragenden Arbeitern. Es gibt im Dorf nur einfache Schotter- und Erdwege, aber Apotheke, Handy- und andere Geschäft sowie einen Platz, von dem aus mit Sammeltaxis in Form geländegängiger Kleinbusse russischer Bauart die Anbindung an die Provinzhauptstadt Murun gewährleistet wird. Unterwegs sehen wir immer wieder Ger-Camps nahe landschaftlich sehenswerter Orte und Einzelschilder am Pistenrand, die für Übernachtungsangebote werben. Zeichen dafür, dass Menschen Initiative ergreifen, um den aufkommenden Tourismus für sich als Erwerbsmöglichkeit zu erschließen.

Wir übernachten ein weiteres Mal an einem See, am Terkhiin Tsagaan Nuur, mitten im Nationalpark Khorgo Terkhiin Tsagaan Nuur. Geographisch befinden wir uns jetzt am nordwestlichen Rand des zentralmongolischen Khangai-Gebirges. Aufgrund der geologischen Beschaffenheit des Untergrunds finden sich hier zahlreiche Zeugnisse tektonischer Aktivität, von denen wir einige in den nächsten Tagen sehen werden. Das Ger-Camp verfügt über feste Gebäude mit Restaurant und einen kleinen Supermarkt, und wird neben ausländischen Touristen auch von mongolischen Gästen genutzt.

 

Donnerstag, 7. Juli

Frühstücken, packen, Fahrzeuge beladen. Das morgendliche Ritual ist schon fast zur Routine geworden. Wie oft in den Ger-Camps, werden wir beim Gepäcktransport und Fahrzeugbeladen von Camp-Mitarbeitern unterstützt und freundlich verabschiedet. Unsere erste Station machen wir heute nach nur 15 Minuten Fahrt über eine Anhöhe hinunter ins nächste Tal, aus dem der Kegel des Khorgo-Vulkans prominent hervorragt. Auf halber Höhe des Kegels befindet sich ein Parkplatz, von dem aus wir über einen befestigten Fußweg zum Kraterrand hochgehen. Der Blick ist spektakulär. Auf der einen Seite der 100 m tiefe, steile Schlund, der vor 7700 Jahren den letzten Ausbruch erlebte. Auf der anderen Seite, zu unseren Füssen das Lavafeld. Seine Oberfläche ist von zahllosen aufgeplatzten, von tiefen Rissen und Spalten durchzogenen, schildkrötenpanzerartigen Rücken bedeckt.

Nach dem Ausflug in die Welt des mongolischen Vulkanismus führt uns unsere Route weiter Richtung Südosten, dem nördlichen Rand des Khangais folgend. Im nächsten Ort, Tariat Sum, stoßen wir nach drei Tagen Schotterstrassen und Erdpisten wieder auf eine asphaltierte Hauptstrecke. Wir kommen durch Tsetserleg, geschäftige Provinzhauptstadt des Arkhangai-Aimaks, wo wir an einer Tankstelle ein deutsches Ehepaar aus Berlin treffen, das in einem Unimog unterwegs ist. Aus Russland kommend, ist ihr nächste Ziel China und über den Iran und weitere Länder zurück nach Deutschland. Angeregt und staunend unterhalten wir uns mit den beiden, bis unsere Fahrt weitergeht zu unserem Tagesziel, dem Ort Tsenkher mit seinen heißen Quellen.

Unser Ger-Camp ist dieses Mal Teil einer größeren Anlage, des „Shiveet Mankhan Hot Spring Resort“. Es gibt ein modernes Hotel mit großem Restaurant und einer Bäderabteilung mit zwei freiliegenden Thermalbecken sowie Dusch- und Massageräumen. Zunächst aber genießen wir nach der anstrengenden Fahrt ein schönes, gekühltes Bier auf der Hotelterasse und das leckere Abendessen im Restaurant. Das Publikum ist international –  wir treffen Reisegruppen aus England, Spanien und Holland.

 

Freitag, 8. Juli

Das schwefelhaltige Thermalwasser wird direkt aus der Quelle einige 100 Meter hinter dem Hotel in die Freibecken geleitet und kommt dort mit 60-70°C an. Es wird täglich um sechs Uhr früh gewechselt. Und so müssen die Mutigen unter uns, die am sehr kalten Morgen ein heißes Bad nehmen möchten eine Stunde warten, bis das Wasser auf eine erträgliche Temperatur abgekühlt ist. Nach dem Frühstück besichtigen wir die Quelle mit ihrem einfachen, aber funktionellen, überirdisch gelegenen Fassungs- und Verteilsystem. Neben den verschiedenen Hotels wird auch eine Gewächshausanlage für die Gemüseproduktion versorgt.

Weiter geht es über Erdpisten nach Kharkhorin, der modernen Nachfolgerin des berühmten, alten Karakorums Dschingis Khaans. Von hier aus wurde für kurze Zeit das größte Weltreich regiert. Die alte Stadt ist längst vergangen. Sie wurde schon im 14. Jahrhundert im Zuge eines gegen China begonnenen Krieges von chinesischen Truppen zerstört. Nur vier steinerne Schildkröten zeugen heute noch von den großen Zeiten der Stadt.

Direkt nach Ankunft in Kharkorin besuchen wir das Kloster Erdine Zuu. Mit seinem Bau durch mongolische Feudalfürsten auf den symbolträchtigen Ruinen des alten Karakorums zweihundert Jahre nach dessen Untergang, sollte der tibetische Lamaismus fest etabliert werden, und es begann die zweite Blüte dieses Orts. 1937 wurde das Kloster von mongolischen Truppen während der sozialistischen Kulturrevolution fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Heute vermittelt die wiederhergestellte, 400 m Seitenlänge messende Außenmauer des quadratischen Tempelbezirks mit ihren 102 Stupas einen Eindruck von den gewaltigen Dimensionen der Anlage. Von den ursprünglich 60 Tempeln sind nur wenige erhalten. Und so fällt es schwer sich vorzustellen, dass hier einmal zehntausend Mönche lebten. Buddhistisches Mönchsleben kann man heute in dem kleinen, wieder eingerichteten Klosterbetrieb erleben.

Nach dem Klosterbesuch machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz für die Nacht. Aufziehenden Gewitterwolken veranlassen uns jedoch, stattdessen ein Ger-Camp zu suchen. Und wieder beweisen unsere Fahrer ihren Spürsinn. Wir finden ein Camp an einem Hang oberhalb der Stadt, wo wir die einzigen Gäste sind. Der Regen ist schnell vorbei und wir belohnen uns nach dem Abendessen im Restaurant-Ger mit einem Bier auf der Aussichtsterasse des Camps und einem fantastischen Blick hinunter auf das abendliche Kharkorin.

 

Samstag, 9. Juli

Der nächste Tag beginnt mit einem weiteren Highlight Kharkorins, dem Karakorum-Museum. Ein moderner Museumsbau, architektonisch ansprechend und behutsam in die Umgebung eingefügt, beherbergt er eine umfassende, lebendige Darstellung der Entstehung und Geschichte der mongolischen Nation. Angefangen von der ersten steinzeitlichen Besiedlung, über die verschiedenen Völker die die Region vor der Zeit Dschingis Khaans beherrschten, die Einigung der mongolischen Stämme und Entstehung der mongolischen Nation unter Dschingis Khaan im späten zwölften Jahrhundert, den Eroberungszügen und der Ausdehnung des Reichs zum bisher größten Weltreich der Menschheitsgeschichte unter seinen Nachfolgern. Den wechselnden Herrschaftverhältnissen in den Jahrhunderten danach mit chinesischem und in neuester Zeit russisch-sowjetischem Einfluss, bis hin zur Entstehung der marktwirtschaftsorientierten und demokratisch regierten, unabhängigen Mongolei 1990.

Nach dem Ausflug in die mongolische Geschichte geht es bei Regen, aber auf asphaltierter Strecke zurück Richtung Ulan Bator. Wir möchten uns die dortigen Feierlichkeiten zum Nationalfest Naadam nicht entgehen lassen. Unterwegs gibt es weitere, besondere Seheswürdigkeiten der Natur. Das Mongol Els mit seinen wüstenartigen, ausgedehnt gelben Sanddünen, durch Sand aus trockengefallenen Seebecken und breit angelegten Flussauen im Zusammenspiel mit periodischen Winden entstanden. Dann, nur noch 80 km von Ulan Bator, der Hustain-Nuruu-Nationalpark mit seinem Przewalski-Auswilderungsgebiet. Das Przewalski-Pferd galt als nahezu ausgestorben und wird als Urahn aller heutigen Pferderassen betrachtet. Hier, in seinem dritten Auswilderungsprojekt in der Mongolei werden wir von einem jungen Führer zu einem Punkt im Nationalparkgebiet gebracht, von dem aus wir eine Gruppe Przewalski-Pferde beobachten können.

Auf dem Weg aus dem Nationalpark zurück zur Hauptstraße können wir einer Familie, die sich mit ihrem Pkw hoffnungslos auf der Sandpiste festgefahren hat aus der Patsche helfen und den Wagen mit einem unserer Landcruiser wieder befreien. Danach geht es direkt und ohne Zwischenfall weiter nach Ulan Bator zu unserem Hotel NewWest.

 

Sonntag, 10. Juli

Letzter Tag mit Lhagwa und Huygaa, unseren beiden Fahrern, von denen wir uns heute, nach manchem, gemeinsam bestandenem Abenteuer herzlich und auch etwas wehmütig verabschieden werden. Aber zunächst bringen sie uns mit ihren Pkws noch sicher durch den Großstadtverkehr im Zentrum Ulan Bators  –  die Landcruiser sind für die Innenstadt aufgrund ihrer Dimensionen nicht geeignet und bleiben zurück.

Erste Station ist das Gandan-Kloster, kulturelles Highlight Ulan Bators und gleichzeitig wichtigste Stätte des lamaistischen Buddhismus in der Mongolei. Der weitläufige Komplex inmitten der Stadt umfasst farbenfrohe Tempel, Gebetsmühlen im Freien, die wertvolle Klosterbibliothek und eine bedeutende Klosterschule. Auf den Wegen und in den Tempeln begegnen wir Mönchen und zahlreichen Gläubigen, die den Eindruck verstärken, dass wir uns hier an einem lebendigen Ort des Glaubens befinden.

Der darauf folgende Einkauf im „Gobi“ Factory Outlet bietet das Kontrastprogramm zum Gandan-Kloster und einen Blick auf die moderne Mongolei. Gobi baut als Modeunternehmen auf der, mit 30 % der Weltproduktion bedeutenden Erzeugung von Kaschmirwolle in der Mongolei auf. Im Gegensatz zum reinen Rohstoffexport findet bei Gobi die gesamte Wertschöpfung im Land statt. Das heißt, Verabeitung des Rohstoffs, Design, Produktion und Vertrieb von hochwertigen Kaschmir-Modeartikeln in der ganzen Welt. Wir sind angetan von der modernen, ansprechenden Gestaltung des Outlets, dem professionellen Service und vor allem von der natürlichen Eleganz und Qualität der hier angebotenen Mode.

Der Nachmittag schließlich bringt einen langerwarteten Höhepunkt unserer Reise, die Feiern zum Nationalfest Naadam. Los geht es mit einem Volksfest auf dem zentralen Dschingis-Khaan-Platz. Ein wahres Fest der Farben und Trachten. Gruppen aus allen Bereichen des mongolischen Lebens ziehen vor der riesigen Bühne ein: Gruppen aus den verschiedenen Provinzen in ihren farbenprächtigen, traditionellen Gewändern, Betriebs-, Sport- und andere Gruppen. Jede wird von dem Sprecher auf der Bühne, einem bekannten Fernsehmoderator, laut über den Platz hallend begrüßt. Fernsehkamaras übertragen den Einzug und die anschließenden Tanz- und Gesangsdarbietungen auf der Bühne. Währenddessen verteilen sich die Gruppen auf dem gesamten Platz und flanieren dort zusammen mit anderen mongolischen Besuchern. Alt und Jung, Familien und Einzelne, viele davon in traditionellen Gewändern. Alle lassen sich gerne bestaunen, und posieren bereitwillig und freundlich für Fotos. Ein großes Fest der mongolischen Kultur und Identität, auf die Land und Bewohner überaus stolz sind.

 

Montag, 11. Juli

Heute steht der offizielle Höhepunkt des Naadamfests auf dem Programm:  Eröffnungsfeier und Wettkämpfe. Die Eröffnungsfeier findet im Naadam-Stadium, etwas außerhalb des Stadtzentrums statt. Die Eintrittskarten sind sehr begehrt, und so schätzen wir uns glücklich, mit der gesamten Gruppe teilnehmen zu können. Die Feier ist beeindruckend und mitreißend in ihrer Dramaturgie. Wir erleben mongolische Geschichte life. Soldaten, Reitergruppen und hunderte weiterer Darsteller in Originalkostümen lassen, begleitet von Musik, in einem Schauspiel über mehrere Stunden die Entstehung und das Auf und Ab der mongolischen Nation aufleben. Von den Zeiten vor Dschingis Khaan, bis zur heutigen, modernen Mongolei. Nach der Eröffnungsfeier beginnen die Wettkämpfe in den drei Nationalsportarten Ringen, Reiten und Bogenschiessen. Jeder Wettkampf hat seine ureigenste, mongolische Form und seine besonderen Rituale. Wir sehen uns den Beginn der Ringkämpfe im Stadium und einen Teil des Bogenschießwettbewerbs in einer speziellen Anlage unmittelbar neben dem Stadion an. Der Reitwettbewerb, für den leider keine Zeit bleibt, findet auf einem 35 km langen Kurs außerhalb der Stadt, in freier Steppe statt.

Für uns geht es noch einmal hinaus aus der Stadt, zur letzten Station unserer Reise. Nach zwei Tagen Großstadt noch einmal eine Portion Natur in der Region des Nationalparks Gorkhi-Terelj, 60 km östlich vor den Toren Ulan Baators gelegen. Wir fahren zunächst Richtung Süden, vorbei an modernen Einfamilien- und Reihenhaussiedlungen. Dann, Richtung Osten, zieht sich die Stadt weit hinaus ins Land, bis die kleinen Gewerbegebiete, Straßenverkäufe, Gruppen von kleinen Häusern und Gers weniger werden. Schließlich tauchen die ersten Viehherden und Hirten-Gers auf. Wir haben die Stadt endgültig hinter uns gelassen und erreichen wenig später unser Ziel, ein Ger-Camp am Rand des Nationalparks.

 

Dienstag, 12. Juli

Wir lassen uns das Camp-Frühstück schmecken (Spiegelei, Würstchen, Gurke, Tomate, Toastbrot, Kaffee/Tee) und brechen anschließend mit einem Teil der Gruppe zu einer Wandertour in den Nationalpark auf. Unser Ziel ist der Tuul-Fluss mit seinen Auenwäldern. Es geht über grüne Steppenfläche mit spärlichem Bewuchs und roter, durchscheinender Erde, bis wir einen Hügel mit einem befestigtem Aussichtspunkt erreichen. Der weite Blick vermittelt einen Eindruck von dieser Gegend. Zur einen Seite eine riesige Dschingis Khan-Statue, zur anderen die hügelige Steppenlandschaft mit vereinzelten Hirten-Gers, zahlreichen Touristen-Ger-Camps und schon einigen festen Hotelbauten weiter unten am Tuul-Fluss. Im Hintergrund die charakteristischen, monumentalen Granit-Felsburgen, die zu den ältesten Landschaften in der Mongolei gehören. Der Reiseführer bezeichnet den Nationalpark als beliebtes Ausflugs- und Naherholungsziel für die Städter. Diesen Eindruck vermittelt dann auch die Lodge mit Ger-Camp, Restaurant und Sportanlagen, eine kleine Oase direkt am Fluss, in der wir eine Erfrischung zu uns nehmen. Auf dem Rückweg spüren wir die Intensität der schattenlosen Sonne. Die UV-Strahlung beträgt das Zweifache der UV-Strahlung eines normalen Sonnentags bei uns. Nach Ankunft im Camp erholen sich die meisten von uns für den restlichen Nachmittag im geschützten Ger.

 

Mittwoch, 13. Juli

Heute geht es zurück nach Ulan Bator, unsere Reise neigt sich dem Ende zu. Zunächst aber statten wir der überdimensionalen Dschingis-Khaan-Statue unweit unseres Camps einen Besuch ab. Der Feldherr sitzt, 25 m hoch und aus Edelstahl, auf seinem Pferd und blickt mit grimmiger Miene nach Osten. Um die Statue herum und in ihrem Innern gibt es die entsprechende touristische Infrastruktur: ein weitläufiger Parkplatz mit großzügiger Treppenanlage hinauf zur Statue; Kasse, Cafe, Restaurant und Andenkengeschäfte im Sockel. Oben, auf dem Kopf des Pferdes, befindet sich eine Aussichtsplattform, von der aus wir noch einmal das großartige Panorama des Nationalparks genießen können.

Der restliche Tag ist mit der Rückfahrt nach Ulan Bator, letzten Einkäufen, Kofferpacken und einem gemeinsamen, mongolischen Abschiedsabendessen mit unseren Betreuern von Bayars Familie in einem traditionellen Restaurant schnell vorüber.

 

Donnerstag, 14. Juli

Frühstück im Hotel, und noch bevor wir am Flughafen sind, hat uns die große Welt nach zweieinhalb Wochen in einer ganz anderen Welt wieder. Die Sicherheitsmaßnahmen für den am nächsten Tag in Ulan Bator stattfindenden Asien-Europa-Gipfel und seine prominenten Teilnehmer, unter ihnen Bundeskanzlerin Merkel, sind umfassend. Wir fahren nicht zum Flughafen sondern zum Basketballstadion außerhalb der Stadt, wo wir mittels der eigens aufgebauten Personen- und Gepäckscanner eine erste Sicherheitskontrolle durchlaufen und dann in Bussen zum Flughafen gebracht werden.

Die Wartezeit auf dem Stadionparkplatz gibt uns die Gelegenheit, uns noch einmal von Bayar und seinem Familienteam zu verabschieden und ihnen für ihre großartige Betreuung zu danken. Dann heißt es „bayartai“  –  auf Wiedersehen Mongolei.

 

Vielleicht schon bald, Winni hat schon Ideen für eine Fahrt in die Gobi . . .

 

Verfasser: Heinz Furitsch
Fotos: Heinz Furitsch, Winni Schwippert, Bayarkhuu Nyamsuren