Auf Skiern durch das bulgarische Rila-Gebirge

Auf Skiern durch das bulgarische Rila-Gebirge

Hotelburg und Hüttendorf

Von Hans G. Hofmann und Andreas Homann

Es ist noch dunkel. Elf Teilnehmer machen sich auf den Weg zum Flughafen Dortmund. Die meisten kennen sich bereits gut aus der Skitourengruppe des DAV Düsseldorf. Die Tickets nach Sofia mit Wizzair waren sehr günstig, aber da wir Rucksäcke und Skier aufgeben müssen, kostet jeder Flug insgesamt doch ca. 100 Euro. Nach zweieinhalb Stunden Flug landen wir in Sofia. Ein Paar Ski reist uns leider erst einen Tag später hinterher …
Ein kleiner Bus erwartet uns und sammelt uns und unsere beiden slowakischen Bergführer ein. Sie begrüßen uns herzlich, denn sie haben einige von uns schon durch das Tatra-Gebirge geführt. Nach gut zwei Stunden Fahrt durch die Stadt und das nahe Gebirge erreichen wir den Skiort Borovets und unser Hotel, einen 7-stöckigen Bau sozialistischer Prägung. Beim Blick aus dem Fenster fallen uns die vielen kleinen Hütten und Buden auf, die zu den Liften hinüber ein kleines Dorf bilden: das Après-Ski Angebot, vom Souvenir bis zur Disco. Wir ziehen das gute abendliche Buffet im Hotel vor und gehen früh zu Bett.

Latschen-Slalom

Das Hotel liegt 1300 m hoch. Draußen liegt Schnee. Unsere erste Tour soll auf den Deno führen, 2790 m hoch. So sind wir dankbar, dass uns ein Sessellift auf 1770 m Höhe tragen kann. Der Aufstieg führt zunächst über einen Bergrücken mit hohem Tannenwald, der bei dem bedeckten Wetter um so dunkler erscheint. Gut, dass die Bären schlafen! Dann folgt ein langer flacher Hang mit Latschen-kiefern, durch die wir uns im Zickzack hinauf kämpfen. In den Alpen wäre das eine ideale Alm, aber in diesem Naturschutzgebiet haben wir keine einzige gesehen. Der Gipfelhang ist dann kahl und steil. Der Wind wird zum Sturm, Schnee sticht in die Backen. So verzichten wir auf das Gipfelplateau und rüsten uns eilig für die Abfahrt. Über eine mäßig steile Flanke erreichen wir eine enge, sehr steile Rinne, die uns mit ständigem Wechsel aus weichem und vom Wind hart gepresstem Schnee einige Mühe kostet, uns aber durch den Latschengürtel direkt ins Skigebiet hinunterbringt. Fast 5 km fahren wir nun auf einer Piste das Tal entlang, bis uns die erste Hütte von Borovets mit offenem Kamin zum gemütlichen Ausklang einlädt.

Musala, mit 2925 m höchster Gipfel Bulgariens

Die Gondelbahn und eine sanfte Piste bringen uns am Morgen in den hintersten Winkel des Skige-biets, den wir vom Vortag bereits kennen. Wie anders aber sehen jetzt die Berge aus bei Neuschnee und Sonne – und wie steil die Rinne, die wir gestern hinuntergefahren sind! Unser Aufstieg nutzt nun eine Art riesige, von Gletschern geformte Treppe: Auf jede Steilstufe folgt immer wieder eine sanfte Seenplatte. Das muss auch im Sommer schön sein, wenn man das Wasser sehen kann. Wir erreichen schließlich den felsigen Gipfelgrat, deponieren die Skier und schnallen die Steigeisen an. Sicherungsseile leiten uns zum Gipfel. Oben empfängt uns eine grandiose Aussicht und eine Wet¬terstation mit Bewirtung! Nach dem Abstieg zum Skidepot genießen wir im frischen Pulverschnee unsere Schwünge, bis wir die lange Piste erreichen, die uns bereits gestern ins Tal geführt hat.

Der Rila-Nationalpark

Unser kleiner Bus steht nach dem üppigen Frühstück vor der Tür des Hotels und bringt uns nach Westen in den Rila-Nationalpark. Nicht benötigte Ausrüstung dürfen wir bis zum Ende der Tour beim Busunternehmen deponieren. Welch ein Luxus!
Die Sonne scheint. Über Nacht ist wieder viel frischer Schnee gefallen und hat den Wald verzaubert, durch den wir zur Malyovitsa-Hütte in rund 2000 m Höhe mit Skiern aufsteigen. Dort beziehen wir saubere Zimmer mit Stockbetten für je 6 Personen und ruhen uns etwas aus. Dann steigen wir wieder in die Skier und erkunden den ersten Teil des Wegs zum Gipfel der Malyovitsa. Schließlich zweigen wir nach links zu einer Scharte ab, denn hier liegt herrlicher, unberührter Pulverschnee! Wir genießen die schönste Abfahrt der Tour bis hinunter zur Hütte, wo wir die letzten Sonnenstrahlen im Freien genießen.

„Der Hut des Popen“ im Nebel

Wir alle hatten für den Morgen gutes Wetter erwartet, aber es ist windig und neblig, als wir zum Gipfel des Popova Kapa (2700 m) aufbrechen. Vor uns liegt ein riesiger Hang mit Latschendickicht. Nur in den Steilrinnen können sich die Bäumchen nicht halten. So wählen wir dort einen Aufstieg mit vielen Spitzkehren, manchmal im Abstand von nur 5 Metern. Es folgen wieder die sanften Terrassen mit den eingebetteten Seen. Auffällig ist hier das System der Wegmarkierung: In Abständen von ca. 200 m stehen Stangen mit Angaben der Position. Unter verschneiten Felsgipfeln queren wir zu einer unbewirtschafteten Schutzhütte und stören ein Pärchen, das es sich hier in der Einsamkeit für die Nacht gemütlich macht. Nach der Pause dort verlassen wir die beiden und steigen den Gipfelhang hinauf. Der Sturm hat hier viele Steine freigelegt, die uns bei der Abfahrt einige Kratzer auf den Skiern bescheren. Langsam löst die Sonne die Wolken auf. So genießen wir die Abfahrt – und sogar den Slalom durch die Latschen.

Überschreitung zum Rila-Kloster

Den griesgrämigen Hüttenwirt heitern wir auf mit einem Original-Portrait von Hans und mit Tanz und Gelage … anschließend ist er so begeistert von uns, dass er zu unserem Abschied mit seiner Pistole einen Salutschuss in die Luft feuert! Beeindruckt beginnen wir den Aufstieg das Tal entlang. Über einen steilen Grat, eine Felsstufe und ein Hochplateau erreichen wir den Gipfel der Malyovitsa, 2730 m hoch. Die Sonne scheint, es ist windstill, der Blick rundum ist beeindruckend – vom Balkangebirge bis zum Olymp!
2000 m unter uns können wir im Tal das Rila-Kloster erkennen, unser Ziel. So drängen unsere Führer zum Aufbruch. Wir fahren zunächst ab, steigen dann in einer halben Stunde auf den nächsten Gipfel. Hier öffnet sich ein weiter Hang nach Süden, den wir durch Firn- und Sulzschnee, zum Schluss mit Farnbeimischung bis in den Wald befahren. Wir schnallen hier die Skier auf den Rucksack und tragen sie die letzte Stunde lang durch den Wald steil hinunter bis zum Kloster. Fast acht Stunden waren wir unterwegs. Vor der Klosterschänke sitzen wir in der Sonne und stillen unseren Durst.
An den letzten beiden Tagen unserer Tour besichtigen wir das großartige Kloster und die Hauptstadt Sofia.

 

Toureninfos
An-/Abreise: Wizzair (Dortmund/Sofia bzw. Sofia/Köln)
Karten: Rila Nationalpark, Bulgarien, topographische Wanderkarte 1:50.000, Domino tourist map
Beste Jahreszeit: Februar/März
Bergführer: Juraj Trstan (juraj@trstan.sk), Jaroslav Michalko (michalko.guide@gmail.com)
[Bild  – Sonnenhang Maloyvitsa, BU: Pulverschnee in den Hängen unterhalb der Malyovitsa. Foto: Jörn Schilcher]